Günther Anton Krabbenhöft x Friedhöfe an der Bergmannstraße: nicht mehr warten, sondern leben

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Herr Krabbenhöft ist für seinen Stil bekannt. Seitdem ein Foto von ihm am Bahnsteig des Bahnhofs  Kottbusser Tor auf Instagram geteilt wurde, ist er für viele »der Opa-Hipster von Berlin« geworden. Seine farbigen Fliegen und Hüte haben ihn auch zu Berliner Klubs gebracht: vor gut einem Jahr haben zwei Mädchen ihn auf der Straße bemerkt und in einen bekannten Techno-Klub eingeladen. Das war seine erste echte Begegnung mit dieser Musik und eine Offenbarung für ihn. Von diesem Moment an hat er Feuer gefangen. Für dieses Interview hat er keinen Klub oder Bekleidungsgeschäft gewählt, sondern… einen Friedhof! Genauer gesagt, die Friedhöfe an der Bergmannstraße, wo wir uns getroffen haben.

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ODILE: Herr Krabbenhöft, unterbreche ich Ihr Partywochenende?

HERR KRABBENHÖFT: Das Interview wird es nicht unterbrechen, danke! Sonnabend ist immer nicht so sehr geprägt vom Tanzen, sondern eher Donnerstag oder Freitag, dann am Sonntag wieder… Der Sonnabend ist immer ein Tag, wo ich ein bisschen Schlaf nachhole oder ganz einfach Dinge zu Hause mache.

ODILE: Machen Sie nie drei Tage durch? Berlin ist bekannt für seine Ohne-Ende-Partys.

HERR KRABBENHÖFT: Doch, na klar! Das passiert auch schon, aber das ist dann doch ein bisschen anstrengend…

ODILE: Was lieben Sie am Nachtleben? Oder ist es mehr das Tanzen, das Sie lieben?

HERR KRABBENHÖFT: Ja… Also ich tanze jedesmal 2 oder 3 Stunden, nicht exzessiv. So macht es mir Spaß. Für mich, als älterer Herr, ist das schon eine Herausforderung. Und ich kann auch am Nachmittag tanzen gehen.

» Es ist genau das Gegenteil von dem Eintauchen in die Musik mit lauten, stampfenden Rhythmen… Hier ist absolute Ruhe. «

ODILE: Wir befinden uns jetzt auf einem Friedhof. Das ist eine ganz andere Atmosphäre.

HERR KRABBENHÖFT: Ja, es ist genau das Gegenteil von dem Eintauchen in die Musik mit lauten, stampfenden Rhythmen… Hier ist absolute Ruhe. Wenn ich mir das richtig überlege, ist es in meinem Leben immer so gewesen. Ich habe immer Extreme gehabt: alles oder nichts, laut oder leise, Askese oder Völlerei… Es ist bei mir immer diese Spannung: selten in der Mitte, sondern in extremen Positionen.

ODILE: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie hier spazieren gehen?

HERR KRABBENHÖFT: Ich fühle mich erstmal entspannt und ruhig auf diesen Friedhöfen. Und dann löst es in mir Gedanken aus. Ich überlege mir, wie die Menschen gelebt haben: wie haben sie gelitten, wie haben sie gelacht, wie haben sie geweint? Ich mache meine eigenen Geschichten. Ich versuche mir also vorzustellen, was sie für Menschen waren. Manchmal steht auf einem Grabstein »Mein geliebter Mann« und ich denke immer: »Na ja, stimmt denn das, was drauf steht? Hat sie den wirklich so geliebt oder hat sie das nur geschrieben, weil andere Menschen das denken sollen?« Ein Geheimnis bleibt auf den Friedhöfen und ich versuche zu gucken, ob es anders gewesen sein könnte, als wie es da geschrieben steht.

ODILE: Was mögen Sie an diesen Friedhöfen an der Bergmannstraße? Warum besonders diese und kein anderer Friedhof?

HERR KRABBENHÖFT: Ich mag die Friedhöfe generell, aber hier gibt es schöne alte Mausoleen und Gräber. Kleine Kunstwerke sind dort zu sehen. Fast sind es kleine Häuser! Manche haben auch nur Kreuze. Das beeindruckt mich schon.

» Für mich ist nur wichtig, dass ich einen Ort habe, wo vielleicht meine Name draufsteht… Alles andere brauche ich nicht. «

ODILE: Was möchten Sie für Sie selbst?

HERR KRABBENHÖFT: Für mich ist nur wichtig, dass ich einen Ort habe, wo vielleicht meine Name draufsteht… Alles andere brauche ich nicht. Vielleicht nur meine Name, sodass die Leute wissen »ah, Günther Anton Krabbenhöft…«, aber dann ihre eigene Geschichte dazu haben, weil sie mich gekannt haben. Das ist ja nur wichtig für die Leute, die mich kennen.

ODILE: Was wollen Sie, dass Leute an Sie in Erinnerung behalten?

HERR KRABBENHÖFT: Das ist nicht wichtig. Die Erinnerung ist in den Herzen. Alle, die mich gekannt haben, brauchen keinen Stein und kein Kreuz. Diejenigen, denen ich im Leben begegnet bin, werden sich sowieso an mich erinnern. So geht es mir ja auch: ich brauche keinen Ort, um mich an einen Menschen zu erinnern. Das Herz ist der Ort und solange man im Herzen, also in der Erinnerung der Menschen ist, ist man nicht tot. Aber irgendwann ist Schluss… Irgendwann gibt es keine Leute mehr, die sich erinnern, außer wenn man eine bekannte Persönlichkeit gewesen ist, wie ein Doktor oder man hat etwas erfunden… Aber das ist ja selten.

ODILE: Hätten Sie das denn gewollt?

HERR KRABBENHÖFT: Nein. Das interessiert mich nicht. Meine Welt sind ja: die Menschen, die Freunde, die Familie, die mich durch mein Leben begleiten. Das ist meine kleine Welt. Meine kleine große Welt.

» In der Nähe, wenn ich nach dahinten schaue, sehe ich das Ende und hinter mir ist das lange Leben gewesen… Das ist so. Aber ich habe keine Angst, nein. «

ODILE: Sie haben mir erklärt, dass Sie »hier [ihre] Gedanken auf eine schier endlose Reise schicken können«. Manchmal Richtung der letzen Reise?

HERR KRABBENHÖFT: Ja, ich stelle mir vor, wie es vielleicht sein könnte. Das weiß man ja nicht. Das hat keiner erzählt. Man kann das auch nicht üben, sondern man muss für diesen Moment bereit sein, wenn er kommt.

ODILE: Kann man bereit sein?

HERR KRABBENHÖFT: Ich weiß nicht… Irgendwie kann das jederzeit passieren. Nicht weil ich alt bin, sondern weil mir zum Beispiel ein Unglück passiert. Es kann immer plötzlich vorbei sein. Deshalb muss man immer bereit sein. Das muss man immer im Kopf haben… Aber ohne sich zu sorgen. Ich würde mir nur wünschen, dass ein Mensch bei mir ist, den ich liebe, und hoffe, dass ich mit einem Lächeln gehe oder so. So stelle ich mir das vor.

ODILE: Macht es Ihnen Angst?

HERR KRABBENHÖFT: In der Situation dann, das weiß ich nicht, aber jetzt habe ich keine Angst. Jetzt denke ich ja dran, dass ich älter geworden bin. In der Nähe, wenn ich nach dahinten schaue, sehe ich das Ende und hinter mir ist das lange Leben gewesen… Das ist so. Aber ich habe keine Angst, nein.

» Hallo, hört auf diese Schere im Kopf zu haben! Macht das, lebt das noch! Man ist nie zu alt, wenn man noch Feuer hat, wenn man noch für etwas brennt. «

ODILE: Jetzt kommen wir zum Ende dieser Unterhaltung. Möchten Sie etwas hinzufügen, noch etwas sagen?

HERR KRABBENHÖFT: Was mir in den nächsten Jahren besonders am Herzen liegt, ist dass ich den Menschen sagen will, vor allen den Älteren, wenn sie in sich so ein Feuer spüren, also etwas spüren, das sie gerne tun möchten, aber sie glauben, dass sie es nicht tun können -»Ne, das kann ich nicht tun… Ich bin schon zu alt. Was sollen die Leute denken?«, dann sage ich: »Hallo, hört auf diese Schere im Kopf zu haben! Macht das, lebt das noch! Ihr seid noch lebendig und ihr habt Energie und Feuer für diesen Wunsch. Dann tut es! Dann tut es einfach! Egal, was die Welt sagt.« Man ist nie zu alt, wenn man noch Feuer hat, wenn man noch für etwas brennt.

ODILE: Vielen Dank, Herr Krabbenhöft.

HERR KRABBENHÖFT: Bitte sehr, gerne.

[…]

HERR KRABBENHÖFT: Früher, wenn ich als Junge tanzen gegangen bin und die Musik spielte, aber noch keiner tanzte -kennen Sie das auch, ja?- weil keiner auf der Tanzfläche war, wollte ich auch nicht allein gehen. Heute ist es mir egal: ich habe keine Zeit zu warten. Ich bin da, um zu tanzen. Warten, das mache ich nicht mehr…

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Und mehr: instagram.com/g.krabbenhoft/
Korrekturlesen: Irmelind K.
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