Stephan Pramme x Am Flutgraben: Urbane Naturerholung und Fliegenfischen an der Spree

Der Flutgraben liegt in Treptow an der Grenze mit Kreuzberg. Wenn Sie nicht genau wissen, wo dieser Ort liegt, könnten die folgende Namen sicherlich helfen: Club der Visionäre, Badeschiff, Chalet, White Trash Fast Food… Diese Umgebung an der Spree ist dem Feiern von Festen und der Entspannung gewidmet. Was fällt auch hier auf, generell in Berlin, ist die Bedeutung des größtenteils unberührt gelassenen Platzes für die Natur. Stephan hat eine starke emotionale Beziehung zu Berlin und dieser Kontrast Natur/Stadt hat damit zu tun. Wenn er zu lange in der Stadt bleibt, verspürt er das Bedürfnis, aus der Stadt heraus zu kommen, aber zu lange außerhalb, sehnt er sich nach der Stadt: mit Berlin hat er einen guten Kompromiss gefunden. An der Spree, an einem Abschnitt des Kanals am Flutgraben, hat er mich zum Angeln mitgenommen.

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ODILE: Stephan, ich danke dir für diesen Moment. Die frische Luft, die Sonne, die Ruhe… Es ist sehr angenehm. Und wir sind mitten in der Stadt. Ist es sinnvoll, die erste Frage zu stellen: warum hast du diesen Ort gewählt?

STEPHAN: Die Aufgabe war, dir einen Lieblingsort vorzustellen. Und der Grund, warum ich diesen Ort mag, ist das Zusammenkommen verschiedener Dinge, die ich in dieser Stadt mag. Erstens ist es mitten in der Stadt und zweitens kann man hier mitten in der Stadt etwas in der Natur machen. Ich mag diese urbane Exotik.

» Man kann hier mitten in der Stadt etwas in der Natur machen. Ich mag diese urbane Exotik. «

ODILE: Exotik?

STEPHAN: Ja, also zwei Dinge, die man zusammenbringt, die eigentlich auf den ersten Blick gar nicht zusammen passen: die Stadt und die Natur. Ich muss nicht warten, bis ich Zeit habe, um länger aus der Stadt heraus zu fahren oder um in Brandenburg wandern zu gehen, ich kann es auch hier für ein paar Stunden am Nachmittag oder vor der Arbeit machen.

ODILE: Kannst du oft kommen?

STEPHAN: Nicht so oft, aber wenn ich lange nicht raus gekommen bin, dann fahre ich hierher. Man kann genau eine Stimmung wie heute genießen: auf der einen Seite die Migranten zu hören, auf der anderen Seite die Fliegenrute ins Wasser zu stellen.

ODILE: Ich habe nämlich bemerkt, dass du Aufmerksamkeit erregst. Junge Leute haben dir ziemlich viele Frage gestellt.

STEPHAN: Ja, es passiert doch häufig, weil die Leute es nicht kennen. Es unterscheidet sich ziemlich von den herkömmlichen Anglern, die sie sonst kennen. Die Leute sitzen sonst auf dem Campingstuhl, am Wasser, und warten, dass ein Fischstropp anbeißt… Jetzt steht jemand plötzlich im Wasser, ist mitten drin, und betreibt diese Fliegenfischerei, die wie in einem Hollywoodfilm mit Brad Pitt aussieht!

» Es ist ja ein Trend, und wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, wird es zum Bedürfnis… Es gilt, Bereiche in der Stadt zu nutzen, die früher ungenutzt waren: gerade in Berlin, sicherlich auch in anderen Städten, trifft das für Flüsse zu. «

ODILE: Aber bist du denn der einzige Fliegenfischer in dieser Umgebung?

STEPHAN: Ne, ich glaube nicht, und zwar gibt es noch die Leute, bei denen ich Fliegenfischen gelernt habe. Es sind zwei junge Berliner und sie machen auch Guided Tours: sie betreiben gerade dieses »urban fly fisching«. Es ist ja ein Trend, und wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, wird es zum Bedürfnis… Ich glaube also, Hipster entdecken, dass es auch für sie wichtig ist, diese Naturerlebnisse in der Stadt zu haben. Es gilt, Bereiche in der Stadt zu nutzen, die früher ungenutzt waren: gerade in Berlin, sicherlich auch in anderen Städten, trifft das für Flüsse zu. Es gibt zum Beispiel diese Stand-Up Paddler auf der Spree oder Kanufahren am Landwehrkanal. Das Bewusstsein hat sich insofern verändert, dass die Menschen jetzt dem Fluss zugewandt sind und nicht mehr vom Fluss abgewandt sind.

ODILE: Ist die Wasserqualität gut?

STEPHAN: Also gut, das weiß ich nicht genau… Früher waren die Flüsse in den Städten wahnsinnig dreckig. Es gibt immer noch Probleme in Berlin, aber das Wasser ist auf jeden Fall besser geworden.

ODILE: Bedeutet es, dass man die Fische aus diesem Kanal essen kann?

STEPHAN: Ja… Ich habe das nie gemacht. Also wahrscheinlich sind sie nicht kontaminiert, aber der Appetit ist etwas kontaminiert: ich weiß nicht, ob ich einen Fisch aus der Spree mit dem selben Appetit wie eine Forelle aus den norwegischen Bergen essen würde. Hier ist es immer noch ein bisschen komisch, zu wissen, dass es ein Fluss ist, der durch die Stadt fließt.

ODILE: Übrigens, welche Fische kann man in Berlin fischen?

STEPHAN: Man fischt mit der Fliegenangel in Berlin und Umgebung hauptsächlich auf Barsche, Rapfen, Hechte und Zander.

ODILE: Gibt es andere Orte in Berlin, die ähnliche Gefühle in dir hervorrufen, wo du ähnliche Naturerlebnisse machst?

STEPHAN: Ja, es gibt einen Ort, der mich inspiriert, und der mich an andere Orte außerhalb Berlins erinnert: der Volkspark Prenzlauer Berg. Da gibt es ein paar Ecken mit Kirschbäumen… Es gibt manchmal Sichtachsen, die nicht wie Berlin aussehen, aber wie die Uckermark oder wie die Prignitz, also manche Regionen in Brandenburg. Das ist das Coolste: es ist mitten in der Stadt und man ist auf dem Land.

» Berlin hat den Vorteil, das ich immer innerhalb von einer Stunde oder Dreiviertelstunde draußen sein kann. Ich kann an einem See stehen und das Gefühl haben, dass Berlin 200km weit weg ist. Dieses Gefühl brauche ich. «

ODILE: Woher kommt diese besondere Verbindung, die du zur Natur hast?

STEPHAN: Die Natur ist etwas, das mich bestimmt schon als Kind begleitet hat. Es ist ein Raum, wo ich mich seit meiner Kindheit drin bewege, wo ich mich zurecht finde, wo ich mich wohl fühle, wo ich Hobbies (Fischen natürlich, Radfahren, im Sommer Schwimmen) ausübe… Klar, die üblichen Dinge kommen auch hinzu: Abstand zum Stadtleben zu bekommen, eine andere Ruhe zu finden… Oder eine andere Aufregung. Für mich ist es auch oft aufregend.

ODILE: Deshalb schätzt du Berlin. Was, wenn Berlin nicht so grün wäre oder weniger grün wird?

STEPHAN: Es wäre ein Problem dann. Ich habe es eine Zeit lang in Buenos Aires erlebt. (Ich habe dort einige Monate verbracht.) Diese Stadt ist sehr dicht gebaut und es gibt wahnsinnig wenig Grünflächen. Das war für zwei Monate ok, aber danach wurde es schwierig und ich habe für mich festgestellt, dass ich in diesen Ballungszentren nicht leben könnte. Ich könnte zum Beispiel nicht in New York leben. Berlin hat den Vorteil, das ich immer innerhalb von einer Stunde oder Dreiviertelstunde draußen sein kann. Ich kann wirklich in einer Dreiviertelstunde an einem See stehen und das Gefühl haben, dass Berlin 200km weit weg ist. Es gibt sogar wilde Tiere in Berlin! Dieses Gefühl brauche ich. Aber ich möchte nicht entweder nur in der Natur noch nur in der Stadt leben.  Wenn ich zu lange in der Stadt bin, bekomme ich Lust auf die Natur. Als ich zum Beispiel nach drei Wochen aus Norwegen zurück gekommen bin, habe ich mich wieder auf die Stadt, auf die Menschen, auf dieses Chaos, gefreut. Berlin hat wirklich diese Möglichkeiten, sich zu entspannen… Also wenn Berlin richtig vollgebaut würde, wenn diese Grünfläche verschwinden würden, ich glaube, ich müsste auch verschwinden.

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Und mehr: Stephan ist Fotograf in Berlin, http://www.stephanpramme.de.
Korrekturlesen: Irmelind K.