Christoph Tettenborn x Wochenmarkt im Bötzowviertel: Tisch der Freundschaft

Der Tischler Christoph Tettenborn ist ein Ureinwohner, ein »Berlin Mitte Boy«, wie er sich selbst gerne definiert. Seit Jahren wohnt er aber im Bötzowviertel, dem Prenzlauer Berg-Kiez zwischen der Greifswalder Straße und dem Volkspark am Friedrichshain. Das Quartier wird jeden Samstag vom Wochenmarkt mit Leben erfüllt. Der Markt ist nicht nur ein Ort, wo man Einkäufe macht, sondern auch ein Treffpunkt für die Leute aus der Nachbarschaft. Christoph hat mich zum Stammtisch des Markts herzlich eingeladen. Einige seiner Freunde haben sich auch an unserer Unterhaltung beteiligt: Yena*, über die ich Christoph getroffen habe, Marius, der im Bötzowviertel aufgewachsen ist und Kai, der Besitzer des Godshot Cafés. Hier ist ein Ausschnitt von unserer Begegnung, so wie er: herzlich, entspannt, lustig und freundlich.

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ODILE: Hallo Christoph. Es freut mich sehr, dich kennenzulernen. Wie du gewünscht hast, treffen wir uns heute auf dem Markt in der Pasteurstraße. Zeig ihn mir doch!

CHRISTOPH: Also, dieser Markt gehört zum Bötzowviertel. Es gibt hier viele regionale Produkte, immer am Samstag. Ein guter Freund von mir, Kai, hat einen kleinen Kaffeestand da vorne. Wir gehen jetzt hin. Er hat auch ein Café, das Godshot, in der Nähe und er verkauft hier samstags den Kaffee auf den Markt. Gegenüber vom Markt auf der linken Seite ist die Bäckerei, wo Guido, einer von meinen besten Freunden, arbeitet. Hier auf der rechten Seite ist der Sänger: er singt immer auf dem Markt und macht Musik für uns. Dort sind auch viele andere nette Leute, aber wir sagen zuerst einmal Kai hallo! Das ist Kai. Hallo Kai!

ODILE: Hallo!

CHRISTOPH: Und Kai macht uns jetzt drei Cappuccino, oder?

ODILE: Nein, ich trinke keinen Kaffee.

CHRISTOPH: Oh! Aber isst du Croissants? Ich habe Croissants mitgebracht!

ODILE: Natürlich!

CHRISTOPH: Aber, du trinkst keinen Kaffee?

ODILE: Nein.

CHRISTOPHE, KAI: Oh!

ODILE: Aber, Kai, mach mir auch einen. Heute mache ich eine Ausnahme. Ich probiere deinen.

CHRISTOPH: Wenn der beste Cappuccino im Umkreis von einem »Quadrathektometer« nicht schmeckt, dann trinke ich den aus! Und… Da drüben in der Bäckerei, habe ich erzählt, arbeitet Guido. Er hat heute um ein Uhr morgens angefangen und er ist schon fertig mit seiner Arbeit. Er hat um 9 Uhr Feierabend, oder Kai? Hast du Guido gesehen?

KAI: Nein, früher. 8 oder 8.30 Uhr.

CHRISTOPH: Also, früher. Guido war schon weg, als Kai gekommen ist.

ODILE: Guido ist der Bäcker?

CHRISTOPH: Ja, er macht das Brot und köstliche Streuselschnecken. Und da drüben ist ein sehr leckerer Pasta-Stand. Da kann man selbstgemachte Pasta kaufen. Da gibt es noch einen sehr guten Fischstand. Und es gibt noch einen guten Fleischer und Käse. Und wir können uns hier gleich hinsetzen. Yena hat Kissen.

ODILE: Oh ja! Aber, bringst du die immer selber mit?

YENA: Nein, aber es ist angenehmer, wenn man lange sitzt!

ODILE: Danke schön. Sehr nett! Also, Christoph, kaufst du nur auf diesem Markt, nie im Supermarkt?

CHRISTOPH: Doch auch, aber ich geniesse es am Samstagmorgen auf diesem Markt Kaffee zu trinken und Freunde zu treffen.

» Hier, kann man sagen, ist eine kleine Enklave, d.h. ein kleines Zentrum von Lokalen, von Menschen die hier wohnen und alle ganz entspannt sind, sich hier treffen, zusammen Spaß haben und leckere regionale Sachen kaufen. Hier sind die Leute auf dem Boden geblieben. «

ODILE: Und wohnst du in der Nähe?

CHRISTOPH: Ja, in diesem Viertel wohne ich mit Unterbrechung seit 1996.

ODILE: Mit Unterbrechung?

CHRISTOPH: Also einmal war ich für ein Jahr in einem anderen Land, und dann war ich nochmal zwei Jahre in einem anderen Land. Aber ich bin immer wieder hierher zurückgekommen.

ODILE: Wo warst du?

CHRISTOPH: Ein Jahr in Norwegen und zwei Jahre in England wegen des Studiums und der Arbeit.

ODILE: Außer diesen Jahren im Ausland hast du immer in Berlin gelebt?

CHRISTOPH: Ja. Ich bin ein »Berlin Mitte Boy«. Ich komme aus Berlin Mitte, aus dem Scheunenviertel.

ODILE: Wie würdest du denn das Bötzowviertel beschreiben?

CHRISTOPH: Hier, kann man sagen, ist eine kleine Enklave, d.h. ein kleines Zentrum von Lokalen,  von Menschen die hier wohnen und alle ganz entspannt sind, sich hier treffen, zusammen Spaß haben und leckere regionale Sachen kaufen. Hier sind die Leute auf dem Boden geblieben. Und sehr viele Leute, die hier auf und um den Markt arbeiten, sind sogar noch aus DDR Zeiten. Also sie sind schon sehr lange hier. Wir werden wahrscheinlich auch noch einige Freunde sehen. Wir werden schauen.

ODILE: Hast du alle diese Leute auf dem Markt kennengelernt? Kai und Guido zum Beispiel?

CHRISTOPH: Kai habe ich im Godshot kennengelernt. Und Guido und ich kennen uns seit Anfang der 90er Jahre. Wir haben uns in einem Record-Store kennengelernt, weil wir beide an Musik sehr interessiert sind.

» Tischler: es ist für mich der Traumberuf. Immer am Ende eines Arbeitstages sehe ich, was ich gebaut habe. Das ist eine sehr große Befriedigung. «

ODILE: Du magst Musik, aber die ist nicht deine echte Leidenschaft: du baust Möbel…

MARIUS: Hallo!

CHRISTOPH: Ah. Das ist Marius.

ODILE: Hallo!

CHRISTOPH: Marius, ich gebe gerade ein Interview… Aber du bist jetzt involviert!

MARIUS: Ah?! OK. Wie bist du auf Christoph gekommen?

ODILE: Über Yena.

YENA: Wir waren im gleichen Deutschkurs.

MARIUS: Sehr erfolgreicher Deutschkurs!

CHRISTOPH: Ja, Yena spricht jetzt auf einmal Deutsch! Marius, möchtest du einen Cappuccino?

MARIUS: Nein. Einen Kakao. Ich komme gleich.

CHRISTOPH: Marius hat mir Werkzeug mitgebracht. Ich habe ihm das geborgt. Eine Zwinge. Ich habe etwas für ihn gebaut.

ODILE: Was hast du gebaut?

CHRISTOPH: Regale.

ODILE: Warum bist du Möbeltischler geworden?

CHRISTOPH: Der erste Grund ist, dass es der ursprüngliche Beruf meines Vaters war. Der zweite Grund ist, dass ich in meiner ganzen Kindheit immer mit meinem Vater gebaut habe. Immer. Das erste, was ich machen konnte, war Nägel halten. Nach meinem Architekturstudium habe ich gemerkt, dass ich lieber baue. Und dann habe ich angefangen Möbel zu bauen und zu entwerfen. Seit 10 Jahren arbeite ich professionell als Tischler. Es ist für mich der Traumberuf.

ODILE: Wieso denn Traumberuf?

CHRISTOPH: Ich fühle mich die ganze Zeit happy wie ein kleiner Junge. Ich kann die ganze Zeit nur bauen, Sachen bauen. Immer am Ende eines Arbeitstages sehe ich, was ich gebaut habe. Das ist eine sehr große Befriedigung. Wir bauen fast nur sehr schöne Sachen.

ODILE: Fast nur?!

CHRISTOPH: Na ja, es kommt auf die Kunden an. Wir bauen für die Kunden.

ODILE: Wir: meinst du mit deinem Unternehmen, der Tischlerei Tipla?

CHRISTOPH: Ja. Alexander Becker, ein Freund von mir, ist der Inhaber. Er hat Tipla gegründet. Ich bin sozusagen sein Angestellter. Ich arbeite sehr eng mit ihm zusammen. Ich bin sein Werkstattmanager, seine Assistenz, seine rechte Hand, sein Mädchen für alles.

ODILE: Sein Mädchen für alles!

CHRISTOPH: »Mädchen für alles« sagen wir in Deutschland. Wenn Alex ein Problem hat, kümmere ich mich darum! Und im Moment sind wir ein Team von fünf Leuten. Wir haben auch Azubis. Wir bilden Tischler aus.

» Das ist eine sehr monochrome Bevölkerung. Fast nur Familien mit kleinen Kindern. Es gibt keine alte Leute mehr. Damals gab es ein guten Anteil von Leuten aus anderen sozialen Schichten. Es gibt diese Mischung nicht mehr. «

YENA: Vielleicht könnten wir die Croissants essen!

ODILE: Gerne.

CHRISTOPH: Und was sagt die Französin zu den Croissants?

ODILE: Ganz gut!

MARIUS: Woher kommst du in Frankreich?

ODILE: Aus Paris.

MARIUS: Schön.

YENA: Und du, Marius?

CHRISTOPH: Ach ja, genau! Marius ist hier im Bötzowviertel aufgewachsen. Er ist ein richtiger Ureinwohner.

MARIUS: Ja, nicht mehr. Jetzt wohne ich auf der anderen Seite vom Volkspark Friedrichshain.

CHRISTOPH: OK, aber sein Vater wohnt immer noch hier und seine Mutter auch.

ODILE: Marius, wie würdest du das Viertel beschreiben?

MARIUS: Ich muss sagen, dass ich mich immer noch sehr wohl hier fühle. Ich finde, dass es sehr schön ist. Es ist eines freundliches Familienviertel, aber es ist natürlich im Vergleich mit den Erinnerungen aus meiner Kindheit komplett anders. Es ist ein anderes Viertel geworden, als was es früher war, aber es ist nicht schlecht. Früher war es sehr gemischt von der Bevölkerung: es gab viele Arbeiterfamilien und alte Menschen, viel mehr als man heute auf der Straße sieht. Und natürlich war die ganze Architektur anders: Dachwohnungen gab es gar nicht und die Fassaden waren teilweise in dem Zustand, wie sie in den 40er oder 30er Jahren waren. Das heißt, sie haben den Krieg schon mitgemacht. Man konnte einige Einschusslöcher an den Häusern sehen, noch bis in die 90er hinein, bis alles saniert wurde.

ODILE: Christoph, hast du auch das Viertel unsaniert kennengelernt?

CHRISTOPH: Ja. Es ist eigentlich sehr interessant, weil zum Beispiel das Haus in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße, in dem ich gewohnt habe, damals auch Einschusslöcher vom Krieg hatte. Und die Hufelandstraße zum Beispiel war damals wie eine Dorfstraße. Ganz ruhig, auch relativ wenig Autos. Und viele Wohnungen hatten Anfang der 90er noch richtige Öfen, wo man mit Holz und Kohle heizt. Ich habe auch so geheizt.

ODILE: Aber nicht mehr heute, oder?

CHRISTOPH: Doch, es gibt immer noch Wohnungen mit Kohlenheizung… Das Gravierende ist aber,  wie Marius schon gesagt hat, eigentlich die Bevölkerung. Das ist eine sehr monochrome Bevölkerung. Fast nur Familien mit kleinen Kindern. Es gibt keine alte Leute mehr. Damals gab es ein guten Anteil von Leuten aus anderen sozialen Schichten. Es gibt diese Mischung nicht mehr. Aber ich habe den Eindruck, dass obwohl sich alles verändert hat, hier immer noch ein relativ großer Anteil von Ureinwohnern trotzdem noch da ist. Wie zum Beispiel Marius Vater oder die Bäckerei -sie ist ein Familienunternehmen schon in dritter Generation- oder der Gemüse-Händler auf der Hufelandstraße: das sind Leute, die schon in DDR-Zeiten hier wohnten und jetzt haben wir hier auf dem Markt einen kleinen Stammtisch.

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Und mehr: http://www.offcutberlin.com
Korrekturlesen: Irmelind K.
*Yena wurde auch für die Berliner Portraits interviewt. Hier können Sie ihr Porträt (Yena Young x Torstraße 161: Berliner und Engagierte Architektur) finden.