Yena Young x Torstraße 161: Berliner und engagierte Architektur

Die koreanische Architektin, Designerin und Künstlerin Yena Young, hat einige Jahre in verschiedenen europäischen Ländern gewohnt, bevor sie sich 2012 in Berlin niedergelassen hat. Sie arbeitet als Partnerin im Architekturbüro Plastique Fantastique in der Torstraße 161, wo sie mich empfangen hat. Im Vergleich zu traditionellen Architekturbüros verbreitet dieses Büro eine unerwartet entspannte und humoristische Atmosphäre. Man sieht unter anderem: Bücher und C.D.’s, eine Holzsäge, kaputte-aber-von-Top-Designern Fahrräder, Shampoo… Besonders das »Küchen-Badezimmer« ist einen Umweg wert! Yena berichtet in diesem Gespräch über die Besonderheiten an ihrem Büro und wie sehr sie sich für ihre Arbeit und für die damit einhergehenden Projekten engagiert hat.

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ODILE: Yena, ich bin sehr überrascht. Ich hatte mir dein Büro anders vorgestellt!

YENA: Ja, es ist sehr »berlinerisch«! Es ist nicht wie ein traditionelles Architekturbüro. Wir arbeiten hier und haben auch Spaß: wir kochen, trinken, hören Musik und freuen uns immer über den Besuch von Freunden. Unsere Art, zu arbeiten, ist nicht formell. Das Büro ist -wie heute- oft leer, weil wir für unsere Projekte viel reisen müssen. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an dieses Büro in der Torstrasse 161. Es bedeutet mir sehr viel. Und diese Umgebung in Mitte (Auguststraße, Ackerstraße, Invalidenstraße) ist mir altvertraut. Ich weiss, wo ich gutes Essen finden kann…

» Es ist nicht wie ein traditionelles Architekturbüro. Unsere Art, zu arbeiten, ist nicht formell. Und diese Umgebung in Mitte ist mir altvertraut. «

ODILE: Zum Beispiel?

YENA: Zum Beispiel gibt es Les Patisseries de Sébastien in der Invalidenstraße: köstlich! Und im Ribo Café in der Ackerstraße kann man eine sehr gute Maultaschensuppe essen. Dorthin gehen wir regelmäßig zum Mittagessen (auch wenn wir lieber kochen). Außer den Essensangeboten mag ich zum Beispiel sehr den Buchladen Do you read me?! in der Auguststraße. Ich fahre auch immer Fahrrad von und nach Hause, am liebsten in der Linienstraße, weil es dort nicht viele Autos gibt.

ODILE: Seit wann arbeitest du in diesem Büro?

YENA: Seit Dezember 2012. Ich bin nach Berlin gekommen, um bei Plastique Fantastique zu arbeiten. Ich hatte sie wegen meiner Masterarbeit über aufblasbare Strukturen kontaktiert. Vorher hatte ich nur in traditionellen Büros gearbeitet. Es war gut, aber ich wollte etwas besonderes.

» Meine Meinung über die Arbeit hat sich verändert. Jetzt interessiere ich mich für Sozialkunst und -design. Ich habe gefunden, was ich machen will, welche Bedeutung ich meiner Arbeit und meinem Leben geben möchte. «

ODILE: Was hat dir bei Plastique Fantastique gefallen? Was ist besonders?

YENA: Unser Büro ist sehr speziell, weil wir uns auf Zeitarchitektur und aufblasbare Strukturen konzentrieren. Konzeption, Design, Produktion: die sind total anders als in der traditionellen Architektur. Wir benutzen nur ein Material: Plastik. Wir schneiden und versiegeln es selbst. Unsere Bauwerke sind also temporär und können sich irgendwo in der Stadt befinden. Wir nehmen an verschiedenen Events teil und treffen viele Leute. Und, wie gesagt, wir arbeiten in einer entspannten Atmosphäre. Zwischen den Projekten haben wir auch Freizeit. Es ist sehr interessant und es macht gleichzeitig Spaß.

ODILE: Dieses Büro bedeutet viel für dich, hast du gesagt. Was hat es dir gegeben?

YENA: Durch Plastique Fantastique habe ich sehr viel gelernt. Meine Karriere hat sich entwickelt und meine Meinung über die Arbeit hat sich verändert. Jetzt interessiere ich mich für Sozialkunst und -design. Ich habe gefunden, was ich machen will, welche Bedeutung ich meiner Arbeit und meinem Leben geben möchte. Zum Beispiel haben wir ein Schiff (Liveboat-Chapter 5) während des Kunstfestivals »48 Stunden Neukölln« präsentiert. Das Thema war »S.O.S-Kunst rettet Welt« und wir wollten die Leute in Bezug auf die Flüchtlinge nachdenklich machen.

ODILE: Du hast auch ein persönlichen Projekt: diese Haarnadeln, die du geschaffen hast.

YENA: Ja. Im Juli habe ich erfahren, dass eine der »Trostfrauen«, die ich vor zehn Jahren interviewt hatte, vor fünf Jahren gestorben war. (Damals war ich Fotojournalistin in Korea.) Diese so genannte »Trostfrauen« wurden während des zweites Weltkrieges vom japanischen Militär als Sex-Sklavinnen benutzt. Im Moment gibt es noch 47 überlebende Frauen in Korea. Sie erwarten Entschuldigungen, aber die japanische Regierung will diese Geschichte nicht wahrnehmen. Die traditionelle koreanische Haarnadel, das Binyeo, war traditionell nur für verheiratete Frauen vorgesehen. Eine »Trostfrau« hatte natürlich keine Chance, eine solche Haarnadel zu benutzen. Dank diesem Produkt möchte ich die Leute außerhalb Koreas sensibilisieren. Ich möchte auch die Einnahmen vom Verkauf des Binyeos an Organisationen, die vom Krieg bedrohten Frauen helfen, spenden. Ich denke, dass Kunst Anderen helfen kann. Es geht nicht umbedingt um Politik, aber sie kann das Augenmerk der Leute auf wichtige Themen lenken.

ODILE: Möchtest du noch ein Wort zu Berlin hinzufügen?

YENA: Eigentlich habe ich in anderen Städten (Helsinki, Amsterdam und Prag) gewohnt und Berlin ist zurzeit die beste. Sie ist nicht schön -sie ist schrecklich, aber die Atmosphäre ist so… lebendig. Diese Partys… Und man hat viel Freizeit. Die Leute sind freundlich und tolerant. Berlin ist anders wegen dieser alternativen Kultur, obwohl sie schon verschwunden ist und obwohl manche Leute sagen, dass es nicht so wie früher ist. Ich denke, dass, Berlin einmalig auf der Welt ist.

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Korrekturlesen: Peter I