Hiroyasu Tsuri x Boddinstraße 60: die Kunst des Übens, und Grenzen zu überschreiten

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»Studio Hiroyasu Tsuri / Karl Addison – Boddinstraße 60. 12053 Berlin«. Das Türschild markiert den Eingang zu Hiroyasu Tsuris Studio, das er mit Karl Addison, einem anderen Berliner Künstler, seit Oktober 2014 teilt. Die Außenseite: ein vierstöckiges Neuköllner Gebäude, menschliche Gesichter aus lila und grünen Streifen auf der Vorderseite, eine schmale weiße Tür zwischen zwei verdunkelten Fenstern, die wie das Türschild mit Aufklebern bedeckt ist. Die Innenseite: ein großer Raum, weiße Wände, der graue Fußboden ist mit Farbflecken bedeckt, ein Tapeziertisch und ein Computer in einer Ecke, Kunstobjekte überall verstreut. Aber nichts ist fest angebracht: von den an die Wand gelehnten Bildern über die Leuchtröhren-Installationen bis zu einer Adlerkopf-Skulptur variiert die Verteilung, je nachdem, in welche Richtung die Experimente gehen. Das rührt daher, dass das Experimentieren und die Suche nach neuen Ausdrucksformen und das Entdecken neuer Sichtweisen Hiroyasus Motivation ist. In seinem Studio unterhalten wir uns über Inspiration und die Kunst des Übens. 

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ODILE: Hiro, du stammst aus Yokohama. Mit 18 bist du nach Melbourne gezogen. Du hattest keine Verbindungen dort und sprachst kein Englisch. Dennoch hast du dich dort in der Street-Art Szene etabliert und dir einen Namen durch Mauerbilder und Ausstellungen in Galerien erworben. Du hast dich dort etabliert und eine gewisse Berühmtheit erlangt – und dennoch, im April 2014 hast du dich entschieden, nach Berlin zu kommen. Warum?

HIROYASU: Ich habe das Gefühl, dass Australien ein ziemlich kleines Land ist. Es hat eine große Fläche, aber keine gute Verbindung zu vielen anderen Orten. Ich hatte dasselbe Gefühl, als ich damals von der »kleinen Insel Japan« auf die »große Insel Australien« zog. Ich wollte einfach mehr von der Welt sehen. Ich wollte Veränderungen und Herausforderungen! Wenn man nämlich bis zu einer gewissen Stufe vordringt, dann wiederholen sich die Dinge in Melbourne einfach immer wieder. Ich hatte das Gefühl, dass ich andere Länder kennenlernen müsste, um mehr internationale Kontakte zu bekommen. Ausserdem bin ich zusammen mit meiner Frau umgezogen: sie wollte ebenfalls mehr internationale Erfahrungen sammeln.

ODILE: Aber warum gerade Berlin?

HIROYASU: Wir wollten aus Melbourne weg und in ein europäisches Land ziehen. Wir haben uns für Berlin entschieden, weil wir von Leuten, die bereits dort waren, viel Gutes gehört hatten. Es ist eine relativ günstige Stadt zum Leben, und sie ist noch nicht so konservativ. Ausserdem gibt es hier eine Menge kreativer Energie.

» In meinem Studio verbringe ich praktisch den ganzen Tag, und das so ziemlich jeden Tag! Daher habe ich eine starke Verbindung zu diesem Ort. «

ODILE: Als ich dich für das Interview darum gebeten habe, einen für dich inspirierenden Ort in Berlin zu nennen, einen Ort, den du magst, hast du einige Ideen gehabt, aber es schien dann doch am naheliegendsten zu sein, dein Studio hier in der Boddinstraße dafür zu wählen. Kannst Du erklären, warum?

HIROYASU: Hier verbringe ich praktisch den ganzen Tag, und das so ziemlich jeden Tag! Daher habe ich eine starke Verbindung zu diesem Ort. Hier schaffe ich meine Kunstwerke, das ist mein Beruf, aber gleichzeitig ein Vergnügen und eine Freude. Hier geht es mir gut. Diesen Raum nutze ich seit letzten Oktober. Mein Studiokollege Addison hatte hier für vier oder fünf Jahre eine Galerie, und danach entschied er sich, dies als ein privates Studio zu nutzen. Seitdem kam ich hinzu, und wir nutzen den Raum nun gemeinsam.

» Ich glaube nicht daran, dass man auf Inspiration warten kann und eines Tages ist sie dann da. Ich denke, auch wenn man nicht so genau weiss, was man eigentlich macht, man muss seine Hände nutzen und tatsächlich etwas herstellen. Ich denke, man muss üben und das als Inspiration sehen. «

ODILE: Dein Studio ist also der Ort, an dem du die meiste Zeit verbringst. Du sagst auch, dass dich dieser Ort inspiriert. Woher kommt im allgemeinen deine Inspiration?

HIROYASU: Ich versuche, in allem und jedem Inspiration zu finden: aus diesem Gespräch beispielsweise, von den Leuten, die ich treffe, den Orten, an denen ich mich aufhalte, von den Dingen, die ich sehe. Ich glaube, dass je mehr ich tatsächlich tue, je mehr ich schaffe, um so mehr kommen mir Ideen. Ich glaube nicht daran, dass man auf Inspiration warten kann und eines Tages ist sie dann da. Ich denke, auch wenn man nicht so genau weiss, was man eigentlich macht, man muss seine Hände nutzen und tatsächlich etwas herstellen. Und dann kommen noch mehr Ideen. Darum glaube ich, dass es für mich als Künstler wichtig ist, ein Studio zu haben. Ich kann wirklich Dinge schaffen, was auch bedeutet, Unordnung zu machen. Ich muss mir keine Sorgen um den Boden machen, oder um die Nachbarn, oder irgendetwas anderes. Ich kann soviel machen, wie ich möchte. Daher ist die Antwort auf die Frage, dass Inspiration von vielen verschiedenen Seiten kommt, aber ich denke, man muss üben und das als Inspiration sehen. Dieser Ort erlaubt mir, genau das zu tun.

ODILE: Wie hat Berlin deine Arbeiten beeinflusst? Kannst du direkte oder indirekte Einflüsse erkennen?

HIROYASU: Ich bin nicht sicher… Ich bin jetzt ein Jahr hier. Ich stelle fest, dass meine Arbeiten mehr ein abstraktes Element annehmen. Mehr als je zuvor. Das könnte in gewisser Weise von Berlin beeinflusst sein. Ich habe das Gefühl, dass es in Berlin mehr abstrakte Expressionisten gibt als in Australien. Das könnte ein Einfluss gewesen sein, aber ich weiss es nicht. Jeder wird beeinflusst, aber ich versuche, Einflüsse nicht so direkt aufzunehmen. Das ist nicht sehr sinnvoll. Der Einfluss, den andere Kunstwerke auf mich ausüben, macht sich erst langsam bemerkbar. Manchmal weiss ich auch gar nicht, woher etwas kommt. Aber ich  sehe, dass meine Arbeiten abstrakter werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas mit Berlin zu tun haben könnte, aber auch vielleicht mit der Tatsache, dass ich umgezogen bin, oder damit, dass ich erwachsen werde. Es wird wohl eine Kombination von allem sein. Zum Beispiel, die Arbeiten mit den Lichtern: als ich diese in Melbourne gezeigt habe, sagten Leute, sie würden dadurch an das Nachtleben in Berlin erinnert, und daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Daher könnte durchaus ein Berlin-Einfluss vorhanden sein, aber eher unbeabsichtigt.

ODILE: Gibt es bestimmte Aspekte in den Kunstwerken, die du in Berlin gesehen hast, die du besonders magst?

HIROYASU: Ich schaue mir gerne abstrakten Expressionismus an. Wie ich schon sagte, glaube ich, dass die Kunstformen in Berlin weniger subjektiv sind, als das, was ich in Australia sehen konnte. Ich sehe auch mehr Installationen, an denen ich schon immer interessiert war. Meine eigenen Arbeiten gehen auch mehr und mehr in Richtung Installation.

» Mit Perspex zum Beispiel: ich fange mit Malen an, benutze Sprühfarbe darauf, dann kratze ich die Oberfläche, das bringt ziemlich schöne Spuren, und dann stelle ich rein aus Zufall Licht dahinter, und Mensch, es sieht toll aus…  So probiere ich neues Material aus. «

ODILE: Materialien spielen eine wichtige Rolle in deiner Arbeit. Was für eine Beziehung hast du zu Materialien?

HIROYASU: Ich mag es, mit vielen verschiedenen Materialien zu spielen. Es ist in gewisser Weise vergleichbar mit meinen Umzügen an verschiedene Orte. Ich kann mich nicht an ein Material gewöhnen. Ich mag die Herausforderung und das Gefühl, dass ich nicht genau weiss, was ich eigentlich mache. Wenn man immer dasselbe Material nutzt, lernt man es verstehen, und man kann es manipulieren, wie man es möchte: man erreicht vollständige Kontrolle. Ich habe das Gefühl, dass man dann in einen Prozess gleitet, wo man immer dasselbe Bild wiederholt. Ich bin ziemlich sicher, dass manche sagen würden, sie entdecken immer noch neue Aspekte an einem Material, und das kann ich verstehen, aber ich spüre einen viel größeren Reiz, wenn ich ein neues Material ausprobiere. Weil ich einfach nicht weiss, was ich mit den Dingen anstelle! Mit Perspex zum Beispiel: ich fange mit Malen an, benutze Sprühfarbe darauf, dann kratze ich die Oberfläche, das bringt ziemlich schöne Spuren, und dann stelle ich rein aus Zufall Licht dahinter, und Mensch, es sieht toll aus… So probiere ich neues Material aus. Dasselbe gilt für Skulpturen: ein Objekt herzustellen ist ein völlig anderer Weg, das Gehirn und die Hände zu trainieren. Für mich ist das sozusagen die Verlängerung des Spielens. Und ich interessiere mich mehr dafür, eine Ausdrucksform oder eine Kunstform zu sehen, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Durch das Ausprobieren neuer Materialien kann ich wahrscheinlich eher etwas Neues schaffen, etwas, das ich bisher noch nicht gesehen habe. Wenn ich immer dieselben Dinge tue, dann wird auch das Neueste dem Objekt, das ich zuvor gemacht habe, einfach zu ähnlich sein…

» Ich glaube, dass meine Besessenheit, neue Dinge zu schaffen, damit zusammenhängt, dass ich die Vorstellungskraft anregen will. Ich denke, das ist ziemlich wichtig, damit wir weiter kommen. «

ODILE: Dein Künstlername ist Twoone, und auf deiner Tumblr und Facebook-Seite steht: »Twoone ist ein hungriges Tier«. Was verbirgt sich hinter diesem Namen, und was ist mit »hungrig« gemeint?

HIROYASU: Der Name basiert ursprünglich auf einem Spitznamen, aber er hat sich mehr zu einem Codenamen entwickelt: er bedeutet eigentlich nichts Besonderes und das gefällt mir. Falls mein Name eine Bedeutung hätte, dann hätten meine Arbeiten, die optischen Eindrücke, die ich kreiere, bereits eine gewisse Kennzeichnung.  Der Ausdruck »hungriges Tier«  kommt von einem Freund, weil ich immer auf der Suche nach Neuem bin und immer neue Ausdrucksformen ausprobiere. Ich bin einfach neugierig auf viele Dinge. Daher bin ich hungrig auf Neugierde: das ist die Bedeutung. Und wenn ich das einen Schritt weiterführe, dann weil ich an die Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft glaube, oder warum Künstler gebraucht werden. Ich stelle mir vor, dass die Rolle des Künstlers ähnlich der des Wissenschaftlers oder Mathematikers ist: sie leisten einen Beitrag zur Welt durch die Entdeckung neuer Materialien oder eines neuen Verständnisses von Zusammenhängen, so dass wir hoffentlich ein neues Verständnis der Welt entwickeln, was uns in eine gute Richtung vorwärts bringt. Kunst hat etwas mit Vorstellungskraft zu tun. Ich glaube, dass meine Besessenheit, neue Dinge zu schaffen, damit zusammenhängt, dass ich die Vorstellungskraft anregen will, andere Arten, die Welt zu sehen, aufzeigen will. Ich denke, das ist ziemlich wichtig, damit wir weiter kommen… Macht das Sinn?

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Und mehr: http://hiroyasutsuri.com
Das Interview wurde auf Englisch durchgeführt. / Übersetzung ins Deutsche: Irmelind K.
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