Katy Otto x Helmholtzplatz: pulsierende Umgebung und Wiederentdeckung

Katy Otto, Fotografin, lebt und arbeitet seit über zehn Jahren im Prenzlauer Berg, genauer gesagt in der Nähe vom Helmholtzplatz: eine pulsierende und kreative Umgebung, zu der sie damals beigetragen hat. Sie hatte dort ihre eigene Agentur für Fotografie geführt, bevor sie sich, auf der Suche nach mehr Spontaneität und Echtheit, wiederentdecken wollte. Auf dem Blog spricht sie über die damalige stimulierende Stimmung am Helmholtzplatz, die Erfahrungen mit ihrem Studio und ihre neue Art zu fotografieren, ohne Inszenierungen.

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ODILE: Kurz nach meiner Ankunft in Berlin habe ich das Kuchencafé »Princess Cheesecake« in der Tucholskystraße entdeckt. Innen an der Wand befindet sich ein Bild, das Du gemacht hast. Es wirkte auf mich wie ein Monumentalgemälde. Es hat mir so sehr gefallen, dass ich dich unbedingt kennenlernen wollte. Ähnlich erging es der Besitzerin von »Princess Cheesecake«, die, nachdem sie Deine Fotos im Schaufenster gesehen hat, mit Dir arbeiten wollte und es bis heute tut. Dein Studio befand sich in der Dunckerstraße 22, ganz in der Nähe vom Helmholtzplatz. Warum hier? Warum Prenzlauer Berg?

KATY: Ich hatte damals eine neue Wohnung gesucht und wollte gerne in einen Bezirk ziehen, in dem es viele Cafés gibt, wo viel Leben ist und ich alles direkt vor der Haustür habe. Deshalb entschied ich mich für den Prenzlauer Berg. Kurz darauf machte ich mich auch als Fotografin selbstständig und beschloss, dass ich ein eigenes Studio brauche. Es gab Anfragen von Kunden und das Nutzen von Mietstudios reichte mir nicht mehr. Ich hatte klare Vorstellungen und dachte: »Ich wage den Schritt, traue mich und eröffne ein eigenes Studio.« In der Dunckerstraße 22 war dann ein Ladengeschäft frei. Die Räume waren eigentlich zu groß, 120 qm Gesamtfläche, aber der Preis war damals sehr günstig, also mietete ich es an.

» Es war eine kreative Stimmung. Wir waren sehr motiviert, sehr mutig. Wir haben, glaube ich, einfach gemacht. Wir haben uns einfach getraut. «

ODILE: 2004 hast du Dein Studio gegründet. Wie muss man sich das Umfeld vom Helmholtzplatz vor zehn Jahren vorstellen?

KATY: Es gab viele Kreative neben mir, die sich hier auch selbständig gemacht hatten: Modedesignerinnen wie die Mädels von »Glaube und Wahrheit«, Gastroleute von der »Zu mir oder zu Dir« Bar oder Läden wie »Glück der Erde« zum Beispiel. Man kannte sich recht schnell, weil wir Nachbarn waren. Es gab auch Events, bei denen Kreative zusammen geführt wurden. Und wir waren fast alle befreundet. Einige davon sind noch heute Freunde von mir, nach über zehn Jahren, zum Beispiel die Macher von »EICIE«, digitaler Stoffdruck: damals waren sie auch ganz frisch selbständig und sponserten meine Frida Kahlo Ausstellung im Café Frida Kahlo. Oder Holger Senft von »Glück der Erde«, der heute auch was ganz anderes macht, wie zum Beispiel den Fashion/Kultur Blog »Sigrid&Boy« mit mir zusammen.

ODILE: Also war es eine kreative Atmosphäre dort?

KATY: Ja, es war eine kreative Stimmung. Wir waren sehr motiviert, sehr mutig. Wir haben, glaube ich, einfach gemacht. Wir haben uns einfach getraut. Also ich auf jeden Fall. Ich war mir sehr sicher. Für mich war klar: »Ich wage das jetzt.«

» Am Anfang hat niemand gewusst, dass es ein Fotostudio ist. Niemand kam herein. «

ODILE: Könntest du kurz die Geschichte deines Studios erzählen? Am Anfang war es nicht einfach, aber es hat durch Mundpropaganda nach und nach geklappt.

KATY: Am Anfang hat niemand gewusst, dass es ein Fotostudio ist, weil kein Name dran stand, nur die Bilder im Fenster wirkten nach außen. Der Raum, den man sehen konnte, war sehr reduziert eingerichtet: weiße Wände, große Bilder, ein Schreibtisch, eine Sitzecke mit 70er Jahren Möbeln… Niemand kam herein: alle liefen vorbei. Ich brachte dann Flyer an, auf denen stand, was ich anbieten möchte: Businessfotos, Familienfotos, Kinderfotos, Modelfotos. Ich musste irgendwie nach außen hin zeigen, was es ist. Aufgrund der Flyer riefen die Kunden an oder erkundigten sich per Mail nach den Produkten und Serien. Und das war für mich ok, weil es ab da funktioniert hatte. Zusätzlich fing ich an, mit Modelagenturen zusammen zu arbeiten. Die meistens Kunden kamen auf Empfehlung.

ODILE: Heute arbeitest du als Freelancer. Warum hast du beschlossen, dein Studio zu schließen?

KATY: Nach ein paar Jahren spürte ich, dass das, was ich machte, nichts war, was ich für immer machen wollte. Das bezog sich auf die Art der Arbeit. Ich habe so viele Bewerbungsfotos für Leute fotografiert, dass mir die Energie dafür ausging. Ich wollte etwas anderes machen. Ich wusste nicht was. Ich hatte keinen Plan wie. Ich dachte auch: »wenn ich kein Studio mehr habe, bin ich bestimmt arbeitslos.« Ich hatte keine Vorstellung, wie ich jetzt Geld verdienen konnte, anders als bisher. Es war schwierig, da heraus zu kommen. Es gab aber noch andere Gründe, die mich zwangen, das Studio aufzugeben. 2010 war eine Zeit, in der die Leute kein Geld mehr so locker ausgeben wollten. Hochwertige Fotoserien waren Luxusartikel. Es gab peu à peu weniger Kunden. Der Umsatz ging zurück, obwohl die Kunden die Produkte immer noch gut fanden. Am Ende war das aber unglaublich gut für mich, weil ich den Mut, von alleine etwas Neues zu machen, damals nicht gehabt hätte. Das mich eine finanzielle Situation dazu zwingt, klingt eigentlich negativ, war aber total positiv für mich. Das war eigentlich meine Rettung, eine Chance, mich zu verändern. Ich habe mich nun ganz neu als Fotografin wiederentdeckt.

» Das fühlt sich wieder echt an, ohne Kontrolle, das ist nicht so festgelegt und arrangiert. Es kommt einfach aus mir. «

ODILE: Was hat sich in der Art, wie du jetzt fotografierst, verändert?

KATY: Ich kam aus meinem Studio damals nicht heraus. Ich habe immer im Studio gearbeitet. Nach der Schließung, wollte ich automatisch, glaube ich, nicht mehr nur im Studio arbeiten. Ich hatte mir eine neue Kamera gekauft und ich wieder angefangen, einfach freie Projekte zu machen. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass die Art, wie ich mit meiner neuen Kamera plötzlich draußen mit natürlichem Licht arbeite, mir ein Gefühl zurückgibt, was ich kannte. Ich merkte, dass ich viel stärker bin, wenn ich nicht viel inszeniere. Das fühlt sich wieder echt an, ohne Kontrolle, das ist nicht so festgelegt und arrangiert. Ich darf gar nicht sagen, dass mir das total leicht fällt. Es ist nicht wie Arbeit für mich. Es kommt einfach aus mir. Ich kann jetzt sofort ein tolles Foto von Dir machen, wenn wir hier sitzen. Früher hätte ich dich zwei Stunden ewig lang inszeniert, verstehst du? Und jetzt kann ich das in drei Sekunden. Na, vielleicht nicht ganz so schnell… Ich habe entdeckt, was ich eigentlich gut kann. Nämlich dieses Echte, das, was da ist. Ich sehe einen Moment.

ODILE: Hast du besondere Inspirationen?

KATY: Ich hatte mir immer vorgenommen, nicht zu viel von anderen Fotografen anzusehen, um mich selber finden zu können. Aber das ist Quatsch: man braucht diese Inspirationen auch. Ein großes Vorbild, obwohl er immer inszenierte, ist für mich Helmut Newton. Seine schwarz-weiß Porträts sind perfekt und dennoch echt. Ich finde jedes Foto, das ich von ihm sehe, einfach… krass! Da stimmt einfach alles! Alles ist perfekt und trotzdem nicht so künstlich.

ODILE: Du lebst in Berlin und fotografierst am liebsten draußen mit natürlichem Licht, hast du gesagt. Könntest du vielleicht etwas über das Licht in Berlin sagen?

KATY: Ich würde nicht sagen, dass es ein Berlin-Licht gibt. Wenn man die Infrastruktur von Berlin dazu nimmt, dann gibt es vielleicht eine Art Berlin-Charakter. Zum Beispiel in der Abendsonne mit den Häusern: das ist vielleicht ein bisschen Berlin like. Durch die Fassaden und die Straßen, wenn die Sonne da ist, sieht das sehr schön aus. Aber wenn ich ein Shooting mache, ist mir das Wetter fast egal. Es gibt tolles Licht, tolle Schatten. Wenn man die nimmt und sieht, dann hat man interessantere Bilder. Mich inspiriert vieles: der Ort, das Licht, der Mensch. Ich bereite mich nicht bis ins kleinste Detail vor. Ich nehme, was da ist. Daraus kann man immer etwas machen. Das ist meine Stärke.

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