Markus Scheiermann x Mauerpark: Musik im Mauerpark

Markus Scheiermann, 47, Vater von zwei Mädchen, hat immer in Berlin gelebt. Er ist in Frohnau aufgewachsen und lebt heute in Prenzlauer Berg in der Nähe vom Mauerpark. Häufig geht er dort, um eine seiner Perkussionen zu spielen oder einfach nur, um ein wenig frische Luft zu schnappen. In diesem Sommer 2015, jeden letzten Tag im Monat, kann man ihm mit einer lateinamerikanischen Band im Mauersegler zuhören. Hier erklärt er, warum er den Mauerpark so mag und wie ist es ein Musiker in Berlin zu sein.

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ODILE: Wir haben uns das erste Mal im Februar während der 65. Berlinale getroffen.

MARKUS: Ja… Kalt und ungemütlich.

ODILE: Stimmt, wir waren total durchgefroren! Du hast diesen Eintritt hinter dem Grand Hyatt Hotel überwacht, wo ich vergeblich auf die Jury gewartet habe. Aber Sicherheitsmann ist nicht deine Hauptarbeit: du bist Perkussionist.

MARKUS: Und Steinmetz, und Elektroniker Fachrichtung Gerätetechnik. Ich bin auch Bauarbeiter, speziell für Dacharbeiten (Absturzsicherung und Dachdeckerarbeiten).

ODILE: Das ist eine interessante Kombination! Wenn du möchtest, konzentrieren wir uns heute auf die Musik. Welche Art von Musik hörst du und spielst du?

MARKUS: Ich höre ganz allgemein World Musik. Im Augenblick mache ich einen Classic Trip, also eigentlich eher alte Musik: Renaissance, Barock. Ich spiele einige Instrumente: Congas, Cajon, Bongo, Def, Darbuka, Rek, Tarantella einmal, Schlagzeug ein bisschen… Ich bin auf lateinamerikanische Rhythmen spezialisiert: Salza, Merenge, Flamenco, Tumbao, die afroperuanischen Rhythmen… Im Moment spiele ich mit Musicalle im Mauersegler. Zum Beispiel habe ich auch Projekte in Trash Metal gehabt. Ganz verschiedene Sachen.

» Ich kann dir nicht mehr zeigen. Geh raus auf die Bühne! «

ODILE: Wo hast du Musik spielen gelernt?

MARKUS: Mein Lehrer war Daniel Gioia, genannt Topo. Für mich ist es eine grosse Ehre. Am Anfang wollte er mir keinen Unterricht geben. Er wollte es gar nicht. Da mein Vater der Freund von einem seiner Freunde war, hat er akzeptiert, eine Probe zu machen. Dann hat er gesagt: »OK, du hast Talent, ich gebe dir Unterricht«. Und ich hatte schon 10 Jahre privaten Unterricht gehabt. Ich bin sein bester Schüler gewesen. Ich bin Meisterschüler. Aber ich bin ganz schüchtern gewesen. Mein Lehrer musste mich echt auf die Bühne ziehen: »Ich kann dir nicht mehr zeigen. Geh raus auf die Bühne!« Das erste Mal war ich zwanzig. Ein Schulfest in Charlottenburg. Ich war sehr nervös, Lampenfieber.

ODILE: Und wie fühlst du dich jetzt auf die Bühne?

MARKUS: Jetzt? Es ist geil! Ich spiele gerne Solos! Und wenn die anderen Spieler gut sind, ist es toll, weil man wirklich fragen und antworten kann.

ODILE: Wie ist es, Musiker in Berlin zu sein?

MARKUS: Ganz schwer. Sehr schwer. Berlin ist sehr schwer, weil es überlaufen ist. Es gibt zu viele Musiker, eine extreme Konkurrenz. Deswegen wollen keine Klubs und Restaurants wirklich mehr Geld bezahlen. Aber das Positive ist, dass man in Berlin unglaublich viele Musiker treffen kann. Gerade hier im Mauerpark. Ich habe im Mauerpark viele Musiker kennengelernt. Das ist schön hier. Aber ansonsten zu viel. Aufträge schlecht, Bezahlung schlecht. Außerhalb von Berlin ist es besser, aber man muss natürlich ein Auto haben. Das habe ich nicht…

» Für mich repräsentiert der Mauerpark Berlin: die Offenheit und die Vielfalt, die Berlin zu bieten hat. «

ODILE: Genau zum Mauerpark: dazu gehört ganz selbstverständlich Musik fest. Besonders am Sonntag gibt es viele Musiker. Solo Musiker oder Gruppen, die hierher kommen, um ihre Stücke aufzuführen, ein bisschen Geld zu verdienen, aber meistens einfach, um einen angenehme Augenblicke zu verbringen. Es gibt sogar Karaoke. Welche Erfahrungen hast du im Mauerpark gemacht? Hast du selbst hier schon gespielt?

MARKUS: Ich habe im Park gespielt, aber meistens zufällig, obwohl ich im Mauersegler mit Eric Triton gespielt habe. Manchmal kenne ich auch Musiker, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Wir treffen uns dort nochmal und dann, wenn wir Zeit haben, gehen wir manchmal zusammen ins »Al Hamra« in der Raumerstrasse. Ich finde es immer sehr interessant zu kommen, weil Bands aus aller Welt  (viele aus Spanien, Italien, aus Berlin sowieso, teilweise auch aus den ehemaligen Ostblockländern) dorthin kommen. Es kommen auch viele Künstler, so, ich weiss nicht… Entweder Jongleure oder Tänzer, Akrobaten, Zeichner, die Porträts malen… Also eine unglaubliche Vielfalt, eine Variation. Es gibt immer wieder neue, immer wieder neue Inspirationen. Und dazu einfach die Stimmung: schöne Stimmung immer. Für mich repräsentiert der Mauerpark Berlin: die Offenheit und die Vielfalt, die Berlin zu bieten hat. Das ist das pure Leben.

ODILE: Und du wohnst in der Nähe. Also du kommst oft hierhin, hast du mir gesagt.

MARKUS: Ja, ist das Wetter schön und hab’ ich Zeit, bin ich hier eigentlich. Wenn ich zu Hause manchmal alleine bin oder so und denke, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich zum Mauerpark und meistens treffe ich Leute, die ich kenne, oder Musiker und so weiter. Alles schick!

ODILE: Es ist also gut für deine Stimmung?

MARKUS: Genau. Wenn man vielleicht ein bisschen depressiv ist, von den ganzen Problemen überwältig wird, muss man raus.

ODILE: Dann ist der Mauerpark wie eine Medikament, oder?

MARKUS: Könnte man sagen, ja… Das ist übertrieben, aber man könnte das sagen. Es ist gut, um abzuschalten.

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Korrekturlesen: Peter I.