Claire Webster x Oberbaumbrücke: Blick auf die Stadt und das Wesentliche

Claire Webster, alias Clairikine, ist eine autodidaktische Comiczeichnerin. Schon früh als Kind in Kalifornien und Frankreich hat sie Comics entdeckt und geliebt. Das Comic, diese »geile Art und Weise, Geschichten zu erzählen, die die Leute berühren können«, wie sie sagt. Jedoch ist es in Berlin, dass sie sich wirklich dazu entschieden hat, sie zum Beruf zu machen. Ihre alltägliche Erlebnisse kann man in ihrem Master of Survival* und in ihrem Blog nachlesen. Für diese Zusammenkunft hat sie die Oberbaumbrücke gewählt: ein Ort, der viel persönliche Bedeutung für sie hat und wo sie sich daran erinnert, was wichtig ist.

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ODILE: Claire, Berlin ist eine wichtige Quelle der Inspiration für deine Arbeit. Vor allem ist Berlin der Hintergrund deines Masters of Survival, eines autobiographischen Comics über deine ersten Monate in der Stadt. Du wohnst seit mehr als fünf Jahren hier. Und hier ist meine erste Frage: wie hast du Berlin überlebt?

CLAIRE: Überlebt! Also… Ich hab’ Berlin dank zwei Sachen überlebt. Das eine ist natürlich die deutsche Sprache. Ich konnte eigentlich noch vor meiner Ankunft 2010 fließend Deutsch. Dank der Sprache konnte ich erstmals Jobs finden. Auch wenn ich keine Jobs hatte, konnte ich mit Sachen wie Bewerbungen, Arbeitslosengeldanträgen und Jobcenter umgehen. Ohne das wäre es viel schwieriger gewesen, in Berlin beruflich überhaupt voranzukommen. Die zweite Sache: das sind die Leute. Es gibt so viele Menschen in Berlin, die mein Leben einfach bereichern. Jedes Mal wenn etwas schief geht oder wenn Sachen schwierig sind, weiss ich: OK, ich hab’ Leute hier, ich hab’ Freunde da und sie geben mir Halt. Ich habe ziemlich lange weit weg von meiner eigenen Familie gewohnt und in Berlin habe ich aber eine sehr vielfältige Familie, zum grossen Teil Deutsche, aber auch Menschen aus den USA, Frankreich, England und Australien.

ODILE: Nach deiner reichen Erfahrung könntest du neuen Berlinern wahrscheinlich einige Ratschläge geben, oder?

CLAIRE: Noch abschliessend auf die erste Frage: echt, wenn du Deutsch nicht kannst, lerne Deutsch! Das ist schon eine riesiger Vorteil. Abgesehen davon… Vielleicht würde ich so antworten: was würde ich denn mir selbst als Rat geben, wenn ich schon angekommen wäre? Weil: in »Master of Survival« geht es auch darum. Das hätte ich mir selber empfohlen: »Es wird nicht ewig so sein, dass du neu in der Stadt bist. Klar, es wird immer berufliche Schwierigkeiten so und so geben. Das hat jeder in jeden Beruf. Geniess es einfach da, wo du bist. Passt auf, dir nicht einzubilden, dass du alle Antworten finden kannst. Mit mitte zwanzig muss man nicht alles wissen.« Ich denke auch so: Berlin ist, was man daraus macht.

» Ich hatte das Gefühl, dass es etwas für mich dort gab. Ich denke auch so, Berlin ist, was man daraus macht. «

ODILE: Was man daraus macht?

CLAIRE: Wenn du Ideen hast oder wenn du etwas machen willst, hast du hier eigentlich ziemlich viel Platz und auch finanziell kannst du mit wenigem Geld eigentlich gut zurechtkommen. Das sagen Alle, aber es stimmt auch. Andererseits: wenn du jetzt von der Stadt erwartest, dass sie dich irgendwie glücklich macht und dass sie dir Freiheit bringt… Klar das kann auch sein, aber nicht jeder Ort ist perfekt und ich denke, man kommt gut mit Berlin klar, wenn man die Sachen, die vielleicht ein bisschen schwieriger sind, annimmt. Also die Anonymität oder eben das wenige Geld. Aber eigentlich hat man in Berlin viel Freiraum. Ich weiss nicht, wie ich es erklären soll… Die Stadt bringt auch nicht die Antworten, aber ich finde, der Raum bietet es an, dass du überhaupt Fragen stellen kannst. Aber OK, Berlin ist nicht so der Paradies, wo alles perfekt ist, wo alle Menschen glücklich sind. Aber ich bin sehr glücklich!

ODILE: Wie bist du in Berlin gelandet?

CLAIRE: Es gibt viele verschiedenen Gründe. Zum Beispiel als ich klein war, haben meine Eltern schon immer sehr viel Musik im Auto gehört. Dazu gehört auch so die Album »Achtung Baby« von U2, das Anfang der 90ern rauskam. Ich war fünf oder sechs und ich habe mir gedacht: »ich muss mir umbedingt mal diese Stadt angucken, wo diese wahnsinnig gute Musik aufgenommen wurde«. Unabhängig davon habe ich einen Austausch in Bayern gemacht. Dann hatte ich irgendwann Bock, in Deutschland zu wohnen. Ich hatte das Gefühl, dass es etwas für mich dort gab. Auch durch den Doppel Master, den ich gemacht habe, bin ich alle sechs Monate wieder umgezogen: ein Semester in Frankreich, ein Semester im Ausland, ein Semester in Frankreich, Abschluss Praktikum in Berlin… Ich dachte: »so, ich muss aufhören, umzuziehen. Ich muss mich festlegen.« In Berlin habe ich eine Stelle gefunden, eine Wohnung, ein Netzwerk. Weggehen heißt, wieder von neuem anzufangen. Das würde eigentlich keinen Sinn machen. Heute habe ich aufgehört, mich zu fragen: »bleibe ich oder gehe ich weg?« Das ist mein zu Hause, das ist mein Ort.

» Wenn ich an der Oberbaumbrücke bin, kann ich mich immer besinnen oder so. Ich erinnere mich daran, was wichtig ist. «

ODILE: Für diese Unterredung hast du einen sinnbildlichen Ort von Berlin gewählt: die Oberbaumbrücke. Warum? Was stellt sie für dich dar?

CLAIRE: Die Oberbaumbrücke, vor der wir gerade eigentlich sitzen, an der Spree, neben dem Wasser. Deswegen habe ich die gewählt: weil es ein Ort ist, wo man einen sehr guten weiten Blick auf das Wasser hat. Von der Oberbaumbrücke kann man in die eine Richtung gucken, in die Innen Stadt, nach Westen. Wenn ich dahin blicke, sehe ich: das ist die Stadt, wo ich gerade bin, das ist die Stadt, die mir etwas anbietet, das ist da, wo ich gerade viel erlebt habe und erleben werde. Wenn ich dann in die andere Richtung gucke, also Richtung Osten, dann bedeutet dies für mich eine tiefere Sehnsucht. Ich sehe dann die Möglichkeiten, die noch bestehen, weil dort ist es weiter, dort ist es nicht so voll. Ich sehe auch diese Skulptur mit den drei Männern, den Molecule Men. Das erinnert mich an meinen Vater, als wir hier zusammen waren. Das ist eigentlich schon sein Ding gewesen. Berlin generell findet er sehr cool und er hat sich immer dafür begeistert, dass ich hier wohne. Das ist für mich sehr wichtig. Von der Oberbaumbrücke sieht man auch den Flux FM Bau. Das ist mein Lieblingssender und dort war ich auch einmal zum Interview zu Gast. Und das verbinde ich auch ganz toll mit Berlin. Das ist eine Sache, die mir geholfen hat, mich zu Hause zu fühlen. Ich liebe die Musik, die sie senden und die Beiträge finde ich immer gut. Wenn man dann Richtung Norden guckt und immer weiter läuft, kommt man dann irgendwann zur Revaler Strasse. Und da gab es die Comic Invasion, wo ich mitgeholfen hab’. Dieses Jahr war sehr erfolgreich und das sind für mich auch sehr gute Erinnerungen. Generell hat die Brücke einen sehr tollen Blick auf Berlin. Das ist einfach ein Ort, wo es visuell ist, wo ich es eigentlich wunderbar finde, den ich auch mit sehr emotionalen Sachen verbinde. Ich wohne überhaupt nicht in der Gegend. Ich meine, es ist schon immer ein Umweg, hierher zu kommen. Aber wenn ich hier bin, kann ich mich immer besinnen oder so. Ich erinnere mich daran, was wichtig ist.

» Ich hab’ in Berlin angefangen, mich ernsthaft mit Comics zu beschäftigen. Ich habe gedacht: »statt dass ich »ich will Comics machen« sage, mache ich einfach Comics.« «

ODILE: Du hast das Berliner Comic Festival »Comic Invasion« angesprochen. Dieses Jahr gab es die vierte Ausgabe. Wenn man sich Comics vorstellt, denkt man an amerikanische Comics, an japanische Manga oder an Belgien und weniger an Deutschland. Wie würdest du die Deutsche und die Berlinische Szene beschreiben?

CLAIRE: Es gibt schon eine breitere deutsche Szene, die kenne ich aber leider nicht so gut, weil ich, was Comics betrifft, eher mit English-Sprachigen in Verbindung bin. Also ich leite einen Comic-Stammtisch, der auf Englisch ist. Die Deutsche Szene, würde ich sagen, ist größer als man sich es vorstellt. Es gibt eigentlich deutlich mehr… Also Interesse für Comics weiss ich nicht, aber Leute, die sich dafür interessieren, Comics zu machen oder Leute, die Comics zeichnen, gibt es eigentlich schon viel. Die Berlinische Szene kenne ich mittlerweile besser wegen Comic Invasion. Da haben viele Berliner mitgemacht. In Berlin wohnen zum Beispiel Mawil und Flix.

ODILE: Deine Beziehung zu Comics ist nicht neu. Du machst Comics, seit du sieben bist. Aber es ist in Berlin, dass du wirklich angefangen hast. Wie hat sich deine Arbeit entwickelt?

CLAIRE: Ich hab’ nämlich in Berlin angefangen, mich ernsthaft mit Comics zu beschäftigen. Ich habe gedacht: »OK, jetzt ist die Zeit, mein eigenes Projekt zu machen. Statt dass ich »ich will Comics machen« sage, mache ich einfach Comics.« Ich hab’ so 2011 angefangen, regelmäßig in meinem Blog zu posten. Dann habe ich noch mehr Leser bekommen, die nicht nur meine Freunde waren, sondern Leute, die Graffiti gesehen hatten, die ich in der U-Bahn Station gezeichnet hatte. Meine Arbeit ist dadurch gewachsen, dass ich mich damit regelmäßig beschäftige, dass ich versuche, immer wieder mehr zu zeichnen. Ich lese auch extrem viel Comics: ich hab’ letztes Jahr Superhelden Comics angefangen zu lesen, aber ich lese auch Webcomics, Indicomics, autobiographische Comics… In den letzen zwei Jahren habe ich echt Freude daran gehabt, dass ich gesehen habe, dass mein Kunst auf einmal besser geworden ist. Nach und nach bemerkt man, dass es einfach weiter geht.

» Wieso ist es so schwierig, dazu zu finden, wonach ich suche? «

ODILE: Zurück zur Oberbaumbrücke: hast du sie schon in einem deiner Comics benutzt?

CLAIRE: Ja, in einem Comic, das ich noch nicht veröffentlicht habe. Es gibt eine Reihe von Comics, für die ich die Idee habe. Meistens sind sie schon halbwegs fertig. Und dann ist für mich immer die Frage, ob ich sie veröffentlichen will, was bedeutet es, wenn ich sie veröffentliche und so weiter und so fort. Das Problem der Autobiografie vielleicht. Was erzähle ich dann denn Neues von mir? Was will ich, dass die Leute über mich wissen? In wie weit gibt es einen Unterschied zwischen meiner Figur, die im Comic vorkommt, und meinem echten Leben?

ODILE: Könntest du dieses Comic beschreiben?

CLAIRE: Es ist eigentlich ein Bild. Es ist nur die Oberbaumbrücke, man sieht nur die. Und eine kleine Figur läuft über sie. Sie stand so mit Riesen Buchstaben. Die Frage stellt sich auf Englisch: »Why is it so hard to find what I’m looking for?«. Also auf Deutsch: »Wieso ist es so schwierig, dazu zu finden, wonach ich suche?« Genau. Das hat aber noch keiner gesehen! Es kann irgendwann raus, weil ich denke, dass es ein ganz gutes Comic ist. Aber das Thema… Es geht um Beziehungen. Will ich überhaupt, etwas darüber erzählen? Im Internet? Weil es aber für mich sehr persönlich ist… Mal sehen!

*Das dritte Heft wurde 2015 veröffentlicht.

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Korrekturlesen: Peter I.