Konstantin Shilovskiy x Gudvanger Straße 45: Familie und neue Heimat

Konstantin Shilovskiy, 29 Jahre alt, ist vor zwei Jahren nach Berlin gekommen, um eine neue Heimat zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn aufzubauen. Er hat Berlin wegen der angenehmen Lebenswelt und der vielen Möglichkeiten für seine Familie gewählt. Er erzählt die schwierigen Momente bei seiner Ankunft in Nummer 45 der Gudvanger Straße, die Unterschiede zu seiner Heimatstadt Moskau und sein Wille, in Berlin Erfüllung zu finden.

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ODILE: Du bist seit zwei Jahren in Berlin. Warum hast du dich entschieden, von Moskau nach Berlin umzuziehen?

KONSTANTIN: Ich mochte aus Moskau wegziehen. Die Stadt war sehr groß für mich. Zu viele Autos, zu viele Leute (es gibt 12 Millionen Leute da)… Ich denke, dass die Struktur der Stadt nicht bequem für die Leute ist. Natürlich mochte ich auch versuchen, in Europa zu leben. Weil ich Deutsch ein bisschen früher gelernt habe und weil Deutschland ein starker Staat ist, habe ich Deutschland gewählt. Ich hatte viel Positives aus Berlin gehört: dass es eine moderne, tolerante und junge Stadt ist. Und für mich als Programmierer war es ziemlich einfach, einen Job zu finden.

ODILE: Du wolltest aus Moskau wegziehen. Warum hast du keine andere Stadt in Russland gewählt?

KONSTANTIN: Es gab andere Möglichkeiten, aber nicht so viele. Zum Beispiel Sankt Petersburg. Aber ehrlich gesagt wäre es wie in Moskau. Es gibt nicht viele Unterschiede. Deshalb war Berlin eine gute Wahl. Es bleibt eine große Stadt, aber kleiner (3 Millionen Menschen), grüner, ruhiger und gut für Leute mit Kindern. Noch ein Vorteil in Berlin ist: es gibt viele Leute in Moskau, die nur ein Ziel haben: Geld zu bekommen und dann etwas damit zu protzen (zum Beispiel mit einem schönen Auto) . Es ist kapitalistischer, würde ich sagen.

ODILE: Gibt es etwas in Berlin, dass du weniger magst?

KONSTANTIN: Vielleicht sind die Leute nicht sehr offen. Ich habe eine Zeitlang in den USA gelebt und ich finde, dass die Leute offener waren. Ich würde sagen, dass die Leute, so gesehen ähnlich wie in Moskau sind, aber trotzdem nicht so kritisch.

» Im Sommer laufen manche Kinder ohne Kleidung herum, total nackt, auf dem Humannplatz! Die Art wie die Eltern die Kindern erziehen ist ziemlich unterschiedlich zu Russland. «

ODILE: Als du in Berlin ankamst, hast du Kulturschwierigkeiten erlebt? Bist du noch überrascht über einige Verhaltensweisen oder Gewohnheiten von den Berlinern?

KONSTANTIN: Ich denke, dass ich keinen Kulturschock gehabt habe. Moskau ist auch modern. Was mich überrascht hat und wovon ich beeindruckt bin, ist, dass Teile von der Stadt ihre eigene Identität haben. In Kreuzberg zum Beispiel ist es streng, man kann total verschleierte Frauen sehen. Andererseits ist Schöneberg bekannt für die Gay Kultur. In Moskau ist alles kulturell ziemlich gleich. Ich finde Berlin sehr tolerant. Es gibt Möglichkeiten für Alle. Es ist gut, weil ich diese Europäische Freiheit spüren kann. Das ist gut für meinen Sohn Petr. Auch die Art wie die Eltern die Kindern erziehen ist ziemlich unterschiedlich zu Russland. Zum Beispiel: es ist zehn Grad, Kinder ohne Schuhe spielen mit Wasser, das ist ganz normal hier. Oder im Sommer laufen manche Kinder ohne Kleidung herum, total nackt, auf dem Humannplatz! Die Kindern, auch in Kaffees zum Beispiel, sind ganz frei. Wenn wir nach Moskau fahren, können wir sehen, dass Petr mehr Freiheit hat und sich entspannt fühlt. Die Eltern vom Prenzlauer Berg haben uns ein bisschen beeinflusst.

» Diese Wohnung ist ein besonderes Ort für uns. Es ist der Ort, an dem sich unsere Familie versammelt hat. « 

ODILE: Du hast eine persönliche Erinnerung an die Gudvanger Straße 45. Könntest du uns diese Geschichte erzählen?

KONSTANTIN: Ich habe schon in Berlin gearbeitet, als meine Familie noch in Moskau geblieben ist. Es gab einen Fehler und meine Frau Daria und mein Sohn haben das Visum nicht bekommen. Nach zwei Wochen habe ich diese Wohnung in der Gudvanger Straße gefunden. Der Besitzer der Wohnung lebt eigentlich in Nepal. Es war interessant, weil es verschiedene buddhistische Sachen gab: Bilder, Dinge aus Metal, Elefanten, Shiva… Wir haben gedacht, dass wir die Visa prompt nächste Monat bekommen würden. Aber es hat für fünf Monate gedauert. Dieser bürokratische Prozess, um ein Visa zu erhalten, war sowohl lang als auch emotional schwierig für meine Familie. Zwei mal pro Monat bin ich nach Moskau geflogen. Ich erinnere mich sehr gut an die Wohnung, wenn ich zum Flughafen Tegel gefahren bin und dann am Montag wieder zurück nach Berlin. Ich kann diese Gefühle noch spüren.

ODILE: Und dein Sohn war klein.

KONSTANTIN: Ja, er war sehr klein. Sechs Monate alt. Endlich sind sie im August nach Berlin gekommen. Wir haben noch drei Monate in dieser Wohnung gelebt. Fünf Monate allein, drei zusammen. Diese Wohnung ist ein besonderes Ort für uns: es ist der Ort, an dem sich unsere Familie versammelt hat. Eigentlich war es die einzige Erfahrung, in der ich als Erwachsene allein gelebt habe.

ODILE: Wie hat sich deine Familie an Berlin angepasst?

KONSTANTIN: Für meinen Sohn war es egal. Mit der Mama oder? Es ist egal, wo er lebt, wenn nur die Mama dabei ist. Natürlich war es für meine Frau stressig. Die erste Wochen waren ganz geschäftig und alles war neu. Sie hat sich mit der Suche nach einer neuen Wohnung beschäftigt. Wir haben einen Baby Klub und Freunde gefunden. Jetzt mag sie Berlin und hat Pläne für die Zukunft.

ODILE: Ich glaube, dass deine Familie größer wird?

KONSTANTIN: Genau, wir erwarten im Oktober ein Baby! Meine Familie ist die wichtigste Sache. Deshalb habe ich als Mann und Vater Ambitionen, gute Lebensbedingungen für meine Familie und die Zukunft meiner Kinder zu schaffen. Trotzdem will ich mich nicht nur auf meine Familie konzentrieren. Im beruflichen Bereich möchte ich mich auch weiter entwickeln. Es ist wichtig für mich, dass die Arbeit nicht nur für mich sondern auch für die Andere, für die Gesellschaft, sinnvoll ist.

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Korrekturlesen: Peter I.